Eine Entdeckung an der Schipfe und der Schlossturm von Montaigne

Mit dieser „ent-entfremdenden“ Wirkung der Religion konnte ich mich anfreunden. Sie entsprach meiner skeptischen Gesinnung und sie war auch eine vorteilhafte Voraussetzung für das journalistische Metier. Journalismus soll sich ja meinem Verständnis nach bemühen, hinter die Fassaden der Selbstverständlichkeiten und offiziellen Sichtweisen zu blicken und den Leuten nicht nach dem Mund zu reden oder irgendwelchen selbsternannten Königtümern zu gefallen und Hofberichterstattung zu betreiben. 


Bis dato war ich journalistischganz unbedarft. Mein allerersterZeitungsartikel handelte von der Eröffnung einer neuen Fluglinie ab Basel nach Mailandin der katholischen Basler Tageszeitung „Nordschweiz“. Es erfüllte mich mit eigentümlicher Genugtuung, meine Gedanken in gedruckter Form zu lesen. Das ist vermutlich auch einer der Reize des Journalismus: Er verspricht eine Art von Unsterblichkeit. Das gedruckte Wort hinterlässt Spuren, auch wenn es rasch in den Tiefen von Archiven verschwindet.


Herbst im katholischen Blätterwald

Mein journalistische Laufbahn habe ich immer in der katholischen Medienlandschaft verbracht. Zur Zeit, als sich die katholische Gesellschaft gegen die übrige Gesellschaft abgrenzte, sprossen zur Stärkung und Verteidigung der katholischen Sinnwelt auch zahlreiche Presseerzeugnisse aus dem katholischen Boden. In den achtziger Jahren, als ich in den Journalismus einstieg, standen sie aber bereits auf der Kippe oder waren nicht weit entfernt vom Untergang.


Die Diplomarbeit in Journalistik schrieb ich über die Katholische Internationale Presseagentur Kipa. Sie versorgte die katholische Presse seit 1917 mit Nachrichten aus der katholischen Welt und hatte inzwischen auch mit Existenzproblemen zu kämpfen. Diese Probleme versuchte ich in meiner Arbeit aus wissenssoziologischer Sicht zu erklären. Eine Zusammenfassung davon erschien später in der katholischen Tageszeitung „Ostschweiz“ unter dem Titel „Herbst im katholischen Blätterwald“. Bei der „Ostschweiz“ in St. Gallen betreute ich anfangs der neunziger Jahre als Redaktor das Ressort Inland und eine wöchentliche Religionsseite.


Später bekleidete ich bei der katholischen Familienzeitschrift „Sonntag“ Jahre lang den Posten des Chefredaktors und schrieb wöchentlich ein „Editorial“ über Gott und die Welt. 


Kreative Herausforderung

Die journalistische Arbeit behagte mir und machte mir Freude. Ich empfand es als kreative Herausforderung, den unstrukturierten Fluss von Ereignissen und Informationen zu zähmen, über die Auswahl zu entscheiden, diese zu gestalten, zu formen und zu vereinfachen – die „Komplexität zu reduzieren“ – und das Ergebnis in Text und Bild zu giessen und weiterzugeben. Und dann die Genugtuung zu geniessen, wenn das eigene Werk das Licht der Medienwelt erblickte, oder mich zu ärgern, wenn doch noch unentdeckte Fehler auftauchten. 


Um die katholischen Presse zu unterstützen, die wirtschaftlich nie auf Rosen gebettet war, entstand 1917 als Förderverein der Schweizerische Katholische Presseverein, dessen Vorstand ich Jahrzehnte lang präsidierte. Er existiert noch heute, obwohl die katholischen Blätter inzwischen allesamt das Zeitliche gesegnet haben, was für mich Beweis dafür ist, dass sich auch auf toten Pferden gut reiten lässt, wenn Offenheit für das Unmögliche besteht.


#### Ein verhängnisvoller Entscheid

2002 fällte ich einen Entscheid, der mich – nicht ganz freiwillig – vom Journalismus zurück führte zum ursprünglichen Berufsziel Seelsorger. Ich hatte mich als Redaktionsleiter Religion beim Schweizer Radio beworben, und zu meinem Unglück die Stelle erhalten. Bis anhin hatte ich in kleineren Medienhäusern gearbeitet, wo der Gestaltungsspielraum und die Spontaneität wichtiger waren als der Lohn und die Bürokratie. Jetzt war ich in einem bürokratischen Räderwerk gelandet mit überbordenden Sitzungsterminen, Rapporten, Arbeitsplänen, formellen und informellen Hierarchien und Machtkonstellationen. In dieser Atmosphäre gelang es mir nicht Tritt zu fassen und aufzublühen. Zudem blieb mir das akustische Medium Radio fremd. Einsam in einer Sprechkabine vor einem Wirrwarr an Knöpfen und Schiebereglern zu sitzen und mit einem eisernen Mikrophonkopf zu kommunizieren, konnte mich nicht beflügeln. So dauerte das Engagement kurz, und ich nahm den Weg wieder auf, den ich vor meiner Medienzeit verlassen hatte.